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Hinne houch!
Die Faschenacht in Buchen im Odenwald

von Monika Bönisch

Wir kommen von dort, wo sich die Fasnacht schwäbisch-alemannisch nennt, und wollen sehen, wie im badischen Franken gefeiert wird. Kurt Hemberger holt uns am Bahnhof in Buchen ab.

Vor dem Umzug, dem Gänsemarsch, müsst ihr euch erst mal stärken“, sagt der frühere Vorsitzende und heutige Ehrenvorsitzende der Fasenachtsgesellschaft Narrhalla Buchen. Wir ahnungslosen Fasnachtstouristen folgen Hemberger willig.
Hinter dem Stadttor, am Platz am Bild, steht das Hotel „Prinz Carl“, die frühere Posthalterstation. Wir betreten die gemütliche Wirtsstube. Einige Huddelbätze, Narren im Fleckenkostüm, begrüßen uns freundlich. Man isst und trinkt. Nach der Mahlzeit wird der Hintergedanke des netten Herrn Hemberger klar: Wir Besucher sollen dem Blecker unsere Reverenz erweisen, der auf dem Kachelofen hier in der Wirtsstube bleckt und wie Dornröschen auf den Kuss wartet. Und so geschieht es dann auch.

Das Buchener Stadt- und Fasnachtssymbol stellt einen Menschen dar, der mit angewinkelten Beinen bäuchlings auf einem Sockel liegt, die Zunge herausstreckt und seinen blanken Hintern zeigt. Der Blecker geht auf eine Steinfigur zurück, die wohl im Mittelalter in eine Haus-, Turm- oder Stadtmauer eingelassen war und als Spottfigur diente oder Unheil abwenden sollte. Ende des 19. Jahrhunderts bei Abbrucharbeiten gefunden, verkauft, aus den Augen verloren und schließlich bei Tauberbischofsheim wiederentdeckt, kehrte die Figur 1905 nach Buchen zurück. Seither gehört sie zur Buchener Fasnacht. Der Mundartdichter Jacob Mayer (um 1866–1939) verfasste sogar ein Lied zu „Bleckers Heimkehr“ mit eindeutigem Refrain: Gei(h)t her, gei(h)t her, gei(h)t her! Un erweischt em emol sei(n) Ehr! Ein Relief des Bleckers ist im Stadtturm eingelassen, ein Blecker aus Bronze am Rand des Narrenbrunnens. Als große vergoldete Figur hat er beim Rosenmontagszug seinen Auftritt, als kleine Nachbildung erfreut er Fasnachts- und Bleckerfreunde, als Keramik streckt er seinen Allerwertesten keck den Gästen im „Prinz Carl“ zu: Welcher dieser vielen Blecker durch einen Kuss geehrt wird, ist egal. Lediglich das mittelalterliche Original bleibt verschont; es steht wohl verwahrt im Bezirksmuseum in Buchen. Den Einwohnern des Städtchens hat die Figur den wenig schmeichelhaften Namen „Arschblecker“ eingebracht. Sie tragen’s gelassen und sind stolz. Denn wer hat schon einen Blecker, dem die Narren und so manche Besucher zur Fasnacht den blanken Hintern küssen?


Es juckt und druckt
Die Stadt ist mit Wäscheleinen geschmückt, die von Fachwerkhaus zu Fachwerkhaus gespannt und mit Kleidungsstücken behängt sind. Kurt Hemberger weist auf den Stadtturm: „Während der Faschenacht sind die drei Zifferblätter der Turmuhr mit Plakaten verhängt.“ Darauf ist Verheißungsvolles zu lesen: „Was brauche mer an Faschenacht e Uhr?“ und „Den Buchener Narren schlägt keine Stund’“; der dritte Spruch fordert auf: „Kerl wach uff – Hinne houch“. Dabei müssen die Buchener nicht gerade ermuntert und zur Faschenacht getragen werden, wie der berühmte Hund zum Jagen. Dichter Jacob Mayer erkannte, wie es um die Mentalität der Buchener bestellt ist:



Wann’s Neujohr vorbei unn der Lenz nimmi weit,
Do kummt halt dem Buchemer sei närrische Zeit,
Do juckt’s ihn, do druckt’s ihn, do lupft’s ihn ebor.
Im Blut leiht ihm d’ Narrheit, er kon nix defor!



Ab dem Schmutzigen Donnerstag sind die Bewohner der Stadt nicht mehr zu halten und beim Fasnachtsspiel, auf Lumpenball und Umzügen, bei Narrengericht, Frühschoppen, Kinderumzug und Fasnachtsverbrennung. Das Programm dieser fränkischen Faschenacht unterscheidet sich wenig von dem in schwäbisch-alemannischen Fasnachtsorten – zumal Elemente des rheinischen Karnevals, die es in der Weimarer Zeit in Buchen gab, inzwischen bewusst fallen gelassen wurden. Herausgebildet hat sich allerdings eine dynamische, unverkennbar Buchener Fasnacht.


Härle und Fräle wirken ganz seriös.

Erbsenstrohbären treiben auch in Buchen ihr Unwesen. Alle Fotos: Wolfgang Buck


Wie alt ist die Faschenacht?
Noch hat der Gänsmarsch nicht begonnen. Doch am Stadttor lärmt bereits ein kleiner Haufen in weiße Kittel, Hosen und Zipfelmützen gekleidete Narren: „Das sind die Müller“, erklärt Kurt Hemberger. Sie ziehen mit Musikinstrumenten durch die Stadt und werfen ihre Gaben in die Zuschauer: Spreu und Brezeln. Die Müller galten lange Zeit als unehrlich und durften an Zunftumzügen nicht teilnehmen. Deshalb sind sie vom Gänsmarsch ausgeschlossen; ein eigener kleiner Umzug eine Stunde früher wird ihnen jedoch zugestanden.

Wie viele Narrenzünfte haben auch die Buchener nach den Wurzeln ihrer Fasnacht gesucht. Während das Fasnachtsspiel und ein Narrengericht erst nach dem Zweiten Weltkrieg in das Fasnachtsgeschehens einbezogen wurden, können die Buchener auf eine Anzeige von 1887 im „Odenwälder“ verweisen, die zu einem Gänsmarsch einlädt. Das Kostüm der Huddelbätze wurde bereits 1839 erwähnt und vom Buchener Bezirksamt als „wahrhaft eckelerregende Kleidung“ bezeichnet. Noch weiter zurück reicht das Gabenheischen, das Anfang des 16. Jahrhunderts in Buchen wohl üblich war. Denn in der Badstubenordnung von 1536 wird dem Gesinde der öffentlichen Badstube untersagt, an Fastnacht von Haus zu Haus zu ziehen und Fasnachtsküchlein einzusammeln. Ob sich die Buchener allerdings bereits 1447 dem närrischen Treiben hingaben? Diese Jahreszahl trägt ein Schriftstück, dessen Authentizität umstritten ist: eine Urkunde des Mainzer Bischofs, zu dessen Herrschaft Buchen 500 Jahre lang gehörte. Darin wird ein Gesuch von Bürgermeister und Rat der Stadt bewilligt „das sie furter wie das herkommen ist, an den tagen nach Esto mihi bis zur heiligen Fastzit sich an Fastnachtspiel und Tanz ergetzen zu der stadt Buchheim gemeinem nutze und frommen rediglich und alle geferde.“ Die Buchener haben sich festgelegt: 2002 feierten sie das 555-jährige Bestehen ihrer Fastnacht.
Doch mit trockenen Geschichtszahlen wollen wir uns heute nicht beschäftigen; wir kennen die Jagd nach Belegen, die eine Fasnacht als alt, älter, am ältesten adeln sollen. Viel lieber wollen wir hier und jetzt den Gänsmarsch erleben.


Fleckenkleid und Spitzhut
Schon hüpfen die Huddelbätze, den Reiserbesen schwingend, in ihren bunten Kostümen vorbei, jedes mit 2000 Stoffflecken, viele zudem mit Glöckchen besetzt und den schwäbisch-alemannischen Fleckenkleidern ähnlich. Dazu passen die weißen Handschuhe, die weiße Halskrause und der sechzig Zentimeter hohe fleckenbesetzte Spitzhut vorzüglich. Früher waren die Gesichter der Huddelbätze wohl mit Mehl gepudert, später von Papier- bzw. Gazemasken verdeckt, nie aber von Holzmasken. „Die Gesichter der Huddelbätze sind heute unverdeckt und dadurch entsteht viel Kontakt zwischen Narren und Publikum“, erzählt Kurt Hemberger. Die Zuschauer erkennen „ihre“ Huddelbätze, winken und rufen ihnen zu und manchmal reicht die Zeit für ein klitzekleines Schwätzchen.
Obwohl inzwischen rund 2000 Huddelbätze Buchen bevölkern, will die Narrhalla die Zahl der Träger dieses beliebten Kostüms nicht beschränken. Denn auch ohne strenges Reglement blieb die Narrenfigur unverändert, hat aber viele Männer, Frauen und Kinder in die Buchener Fasnacht integriert. Dem „Huddelbätz-Vater“ genannten Kurt Hemberger kann’s recht sein – waren doch 1946 beim ersten Gänsmarsch nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch traurige sechs Huddelbätze auf der Straße – mehr Kostüme gab es nicht mehr. Hemberger bat seine Mutter, ihm ein Fleckenkostüm zu nähen. Er bekam das ersehnte Gewand und machte auch seine Kumpels scharf: „Wollt ihr nicht auch so was haben?“ Sie wollten – und legten den Grundstein für eine reiche Nachkommenschaft.


Heut’ wird abgerechnet
Mit schrägen Tönen zieht eine bunt kostümierte Krachkapelle durch das Tor des Stadtturms. Ein Akkordeon gibt die Melodie vor – ansons-ten verrichten die Musiker ihr lautstarkes Geschäft mit Teufelsgeige, Topfdeckeln, Trommeln und Waschbrettern. Reisstrohbären mit Bärenköpfen aus Pappmaschee brummen über die Straße.

Seriös und gediegen nehmen sich dagegen Härle und Fräle aus. Um 1900 trugen diese Fasnachtsfiguren meist alte, ausgediente Trachtenkleidungsstücke der Odenwälder Bauern. Die heutigen Kostüme sind daran orientiert. Ihre Spezialität, das Schnorren in den Gasthäusern, ist fast ausgestorben. Härle und Fräle sind unmaskiert – es sei denn, sie „achieren“. Dann tragen die Herrschaften Masken und zeigen dennoch ihr wahres Gesicht. Sie werden – wie etliche freie Gruppen in beliebiger Verkleidung und mit Plakaten und allerhand Utensilien ausgerüstet – zum wilden Element im Gänsmarsch, auf das die Narrhalla keinen Einfluss hat. In einer Art Narrengericht nehmen sie sich Begebenheiten des vergangenen Jahres vor und rechnen mit Politik, „auffälligen“ Mitbürgern, Behörden oder in eigener närrischer Sache ab. „Was an der Faschenacht gerügt worden ist, ist dann aber auch erledigt“, sagt Hemberger.





Leidenschaftlicher Dichter: Jacob Mayer
Schon lange nicht mehr gesehen wurde der Krähwinkler, zuletzt auf der Fasnacht 1990. Das große hölzerne Wagenrad, das liegend auf einer Deichsel befestigt ist, wurde an zwei Seilen gezogen. Dabei setzte sich das Rad in Bewegung und die beiden darauf sitzenden Narren versuchten auf dem kreisenden Rad das Gleichgewicht zu halten.
Dass wir dieses Spektakel nicht zu sehen bekommen, bedauern wir zutiefst. Zum Trost haken uns derweilen einige Buchener unter und weisen uns schunkelnd und geduldig in das lokale fasnächtliche Liedgut ein.

Vor allem der erwähnte Jacob Mayer hat sich als Autor von Liedtexten einen Namen gemacht und auch den Buchener Narrenmarsch „Kerl wach uff“ verfasst. Der gebildete Kaufmann war Elferrats-präsident und prägte in den 1920er Jahren die Fasnacht seines Heimatorts. Nach 1933 wurde es für den Juden Mayer nicht mehr lustig. Der einst geachtete, hoch geehrte Bürger nahm sich 1939, nun boykottiert und gemieden, das Leben. Heute erinnern die Jacob-Mayer-Grundschule, eine Gedenktafel und seine vielen Verse an ihn.


Huddelbätz auf Reisen
Zu Jacob Mayers Zeiten existierte die Fasenachtsgesellschaft Narrhalla bereits. Sie wurde 1879 gegründet und huldigte damals noch „Seiner Hoheit dem Prinzen Carneval“. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg wandte man sich mehr und mehr von karnevalistischen Elementen und Bezeichnungen ab. Die Narrhalla gehört dem Narrenring Main-Neckar an, dem Bund Deutscher Karneval in Köln und als Fasnachtsgesellschaft, die internationale Beziehungen pflegt, der Närrischen Europäischen Gemeinschaft. Denn in den vergangenen Jahren haben Huddelbätz und Co. weite Sprünge gemacht, Narrenkollegen in Frankreich, Österreich, der Schweiz und auf den Kanaren besucht und zu Internationalen Narrentreffen nach Buchen eingeladen.


Kerl schloof ei
Am Montag wird noch einmal voll aufgedreht, wenn der Rosenmontagszug mit Gruppen und originellen Wagen durch die Stadt zieht. Am Dienstag ist es ruhiger: Narrhalla-Frühschoppen im „Prinz Carl“ und Kinderumzug – bevor nachts um zwölf Uhr eine Huddelbätz-Puppe vor dem Alten Rathaus verbrannt wird. Während die Stadtkapelle „Kerl schloof ei“ spielt, zieht eine Trauerprozession zum Platz am Bild. Noch einmal erklingt der Narrenmarsch und die Faschenacht ist zu Ende. Die einzigen, denen „keine Stund’ schlägt“, sind die Gesellen auf dem Buchener Narrenbrunnen. Sie sich das ganze Jahr über närrisch.

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