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Zur Bedeutung des Weißnarren
von Dr. Jochen Schicht

Was wollte einst der Weißnarr zeigen oder: Kleidung sagt oft mehr als Worte - Verspottung des Adels, der Vornehmen und Reichen

Immer noch sind einige Fragen unbeantwortet, die auf Herkunft und ursprünglichen Sinn bestimmter Elemente der Fastnacht zielen. Dazu zählt die Figur des so genannten „Weißnarren“. Gemeint sind die Träger eines weißen Leinengewands, dessen Kopfhaube, Kittel und Hose bemalt sind, zu dem bis zu acht über Brust und Rücken gekreuzte Lederriemen mit Schellen gehören und das meist mit einer so genannten „glatten“ Maske kombiniert wird. Die folgenden Ausführungen zur Bedeutung der Weißnarren-Figur sollen weder als kühne (und letztlich nicht belegbare) Spekulation verstanden werden, noch besteht der Anspruch, „endgültige“ Antworten auf offene Fragen zu liefern. Es geht vielmehr darum, Gedankenanstöße zu liefern und möglicherweise zur Diskussion und Forschung anzuregen. Mit Sicherheit zu klären, sind manche Ausprägungen der schwäbisch-alemannischen Fastnacht heute nun einmal nicht mehr. Sich dennoch die Frage nach dem „Warum“ zu stellen, verliert deshalb nicht an Sinn, denn „Wissenschaft lehrt nicht zu antworten, sie lehrt, zu fragen“. 

Bei den bemalten Weißnarrenkleidern handelt es sich in aller Regel um Kittel, Hose und Haube aus Leinen. Im Mittelalter war Leinen ein ungemein beliebter Stoff für Bekleidung. Die begüterten Bevölkerungsschichten trugen Unterwäsche aus Leinen, die ärmeren benutzen das relativ billige Material auch für Jacke und Hose. Die bemalten „Häs“ sind bis heute sehr einfach geschnitten: Das Oberteil verfügt über einen runden Halsausschnitt sowie runde, eingesetzte lange Ärmel. Es geht meist nur bis zur Taille und ist durch Haken – nach außen unsichtbar – verschließbar. Die Hose ist lang und weit geschnitten. Ein Zug hält sie um die Taille, Nesteln schnüren sie an den Knöcheln. Bis Ende des 17. Jahrhunderts deckte sich diese Schnittform mit der Alltagskleidung der einfachen Leute. 

Einfache Kleidung als Grundlage
Die Haube, welche bis auf das Gesicht den ganzen Kopf bedeckt, ähnelt der seit dem 14. Jahrhundert gebräuchlichen so genannten „Gugel“, die man heute als eine Art „Kapuze“ bezeichnen würde. Diese Kopfbedeckung trugen zunächst Mönche sowie das bäuerliche Volk. Versehen mit Zipfel, Zaddeln und Glöckchen avancierte sie im 15. Jahrhundert eine Zeit lang zu einem modischen Requisit der gehobenen Stände. Die „kleinen Leute“ hielten bis ins 17. Jahrhundert an der Gugel fest. 

Betrachtet man nun ausschließlich Jacke, Hose und Gugel sozusagen als „Grundlage“ des Weißnarrenkleides kommt man zu dem Schluss, dass es sich hierbei um die übliche Kleidung der einfachen Leute handelte. Diese waren es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch, welche diese spezielle Verkleidungsform prägten. Ein Großteil der Requisiten und Abbildungen, die das „Häs“ komplettieren, entstammen jedoch der Welt des Adels, der Welt der Vornehmen, der Herrschaften und der Reichen: So erinnern die bei vielen Weißnarren charakteristischen großen, gestärkten und gefalteten weißen Krägen an die überdimensionalen Halskrausen, welche man seit Beginn des 17. Jahrhunderts an den europäischen Höfen trug. Ein regelrechtes Statussymbol aus Stoff hatte sich damals entwickelt. Ungeheure Mengen an Leinen oder Spitze waren nötig, um einen solchen Kragen herzustellen. Tägliches Wechseln gehörte dazu. Das Stärken und Bügeln erforderte Zeit und Geschicklichkeit. Ständig mussten neue Exemplare hergestellt werden – ein Luxus, den sich das gemeine Volk selbstverständlich nicht leisten konnte. Die eingeengte Bewegungsfreiheit von Kopf und Hals verlieh Würde und Eleganz. Ein entblößter Adamsapfel galt früher als unschicklich. Erst als sich die Perücke bei Hofe durchsetzte, verabschiedete man sich von der Halskrause.

Bei der so genannten „Glattlarve“ oder glatten „Scheme“ samt angedeuteter Allonge-Perücke stand mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls die höfische Mode Pate. Seit Ende des 17. Jahrhunderts trug man in diesen Kreisen gepuderte Perücken zum weiß geschminkten Gesicht. Gefühle durch Mimik zu verraten, war verpönt. Die Perücke – ein weiteres „Standeszeichen“ – verbarg Haarfarbe sowie Lebensalter. Kontrastierend zu diesem hellen Teint legten Vertreter beiderlei Geschlechts kleine Schönheitspflaster aus gummiertem schwarzen Taft auf, die je nach Form (z. B. Halbmonde oder Sterne) und Platzierung im Gesicht eine bestimmte Eigenschaft symbolisierten. So bekam die Außenwelt lediglich typisierte Merkmale geboten. Nicht nur diese kleinen Schönheitspflaster finden sich noch heute auf den Glattlarven wieder, auch das vornehme Wangen- und Kinnrouge sowie die fein gezogenen Augenbrauen fehlen nicht. Donaueschinger oder Oberndorfer Masken verfügen darüber hinaus über den aristokratischen Oberlippen- und Kinnbart des späten 17. Jahrhunderts. Der Holzsäbel erinnert daran, dass jeder Adlige, der etwas auf sich hielt, im 17. und 18. Jahrhundert einen Degen bei sich trug. Oftmals geriet die dünnstielige Waffe zum reinen Ziergerät. Sie entwickelte sich vielmehr zum Abzeichen des eigenen Standes, denn nur dem Adel war es erlaubt, sich bei Streitigkeiten mit der Waffe zur Wehr zu setzen. 

Schellen oder „Rollen“ galten lange Zeit als Ausdruck von Würde und Stil. So waren an priesterlichen Gewändern Glöckchen angebracht und fungierten eine Zeit lang sogar als Machtsymbol des Kaisers. Seit dem 12. Jahrhundert schmückte sich der Adel mit kleinen Schellen und nur dieser war gemäß der ständischen Kleiderordnung befugt, solche zu tragen. Während des 14. und 15. Jahrhunderts avancierte die Schelle zum Moderequisit schlechthin. Ob am Gürtel, an den Rocksäumen oder den Zaddelspitzen von Kleid und Ärmel: überall klingelte und bimmelte es. Dieses Geräusch nahm derart überhand, dass mancherorts in den Kirchen das Tragen von Schellen ausdrücklich untersagt wurde. „Wo die Herren sein, da klingeln die Schellen“ lautete ein Sprichwort zur damaligen Zeit. Im 16. Jahrhundert schließlich flaute die adlige Vorliebe für Schellengetön deutlich ab. Womöglich blieb jedoch die Erinnerung daran bestehen.

Weißnarrenkleid ideal zum Bemalen
Die simpelste Art, etwas optisch aufzuwerten, ist die Bemalung. Die Schnittform der Weißnarrenkleider bietet sich dafür geradezu an. Große Stoff-Flächen ohne Abnäher und Falten sind ideal, wenn es darum geht, sie zu bemalen. Im ländlichen Milieu wurde oft Leinenstoff mit Farbe und Pinsel verschönert. Als Beispiel sind Getreidesäcke zu nennen, deren Blumen- und Blattranken an Motive der Häsmalerei erinnern. Gerade auf sehr alten Narrenkleidern spielen Pflanzen eine beherrschende Rolle. Beschäftigt man sich näher mit den abgebildeten Gewächsen, so fällt auf, dass man sich hier ganz offensichtlich wieder am Adel und dem wohlhabenden Bürgertum orientiert hatte. Pflanzenornamente dieser Art finden sich nicht nur an Bauwerken, auf Bildern, sondern auch in kostbaren Seidenstoffen wieder. Auch die auf zahlreichen „Häs“ abgebildeten Bär und Löwe erinnern an adlige Wappentiere. Reichtum und Prunk sollten ganz offensichtlich plastisch dargestellt werden.

Doch was hat diese Ansammlung an Requisiten und Abbildungen, die der Welt des Adels, der Welt der Vornehmen, der Herrschaften entstammen nun zu bedeuten? Es drängt sich die Vermutung auf, dass sich eine ganz bestimmte Botschaft mit den Dingen verbindet, sozusagen neben dem klaren Verweis auf das Leben besserer Kreise, eine zweite, hintergründige Aussage, die den Menschen früherer Jahrhunderte durchaus bewusst war. Es spricht einiges dafür, dass der Weißnarr mit Hilfe von Symbolen den Adel persiflierte, nachäffte, karikierte und letztlich geißelte und anprangerte. Was das ganze Jahr über nicht möglich war, konnte während den Fastnachtstagen ungehindert ausgelebt leben: den Mächtigen, Noblen und Begüterten einen Spiegel vorzuhalten. 

Ähnlich sieht es auch Veronika Mertens: Sie vermutet in der Figur des Villinger „Narro“ das Überbleibsel einer moralisierenden Fastnachtsspieltradition. Wie auf einem Theater stelle der „Narro“ bestimmte Torheiten der Welt anschaulich vor Augen. Es liegt ihrer Ansicht nach nahe, dass der stolze und reichlich aufgeputzte „Narro“ als „Hoffarts-Narr“ die Sündhaftigkeit von Dünkel und Hochmut demonstrieren sollte, welche wohl in erster Linie den „Betuchten“ und „Blaublütern“ unterstellt wurde. Auch Reinhard Wais vertritt in seinem Aufsatz „Die Fastnacht auf der Baar – Eine Deutung der Weißnarren auf kulturgeschichtlicher Grundlage“ die These, nach der „Narro“ und „Hansele“ dem mittelalterlichen Wandertheater entstammen, welches seinerseits wiederum von der Commedia dell’ arte sowie der Hans-Wurst-Gestalt des „Pickelhäring“ beeinflusst wurde. Ähnlichkeiten die Gewandform betreffend, aber auch Halskrause, Bemalung (Ornamente, Pflanzen) und Glöckchen, seien nachzuweisen. Wais sieht wie Mertens die Figur des Weißnarren als „Parodie, die sich auf eine Kleidermode, auf eine Person oder ein Ereignis richten kann“. Er betont „die Funktion der Kritik und teilweise auch die der politischen Opposition“. Andreas Seim widmet im Ausstellungskatalog „Entlarvt! Von Masken und Maskeraden“ unter der Überschrift „Das Narrengewand als Karikatur des Adels“ einen ganzen Abschnitt dieser Thematik. Er sieht den Weißnarren als „Umsetzung höfischer Kleidung und Physiognomie des 18. Jahrhunderts“ und als „ehedem gespielte Karikatur auf Adel, höfisches Zeremoniell und Theater“. Den stolzen, distinguierten Gang der Figur interpretiert Seim als Teil der Maskerade, als „Persiflage auf die Aristokratie“. Mit Hilfe der Bildersprache sei die adlige Gesellschaft veralbert worden. 

Beschäftigt man sich nun Punkt für Punkt mit den oben vorgestellten Requisiten und Abbildungen des Weißnarren hinsichtlich einer zweiten, hintergründigen Bedeutungsebene, können diese durchweg als kritische Aussagen interpretiert werden. 

Ein Symbol der Falschheit
Der angehängte Fuchsschwanz gab der gesamten Figur eine neue Bedeutung. Als mittelalterliches Symbol der „Falschheit, Heuchelei und Unaufrichtigkeit“ offenbarte er sämtliche Requisiten und Abbildungen aus der Sphäre des Adels als Repräsentanten einer verderbten und unchristlichen Lebensweise. Im Mittelalter trugen beispielsweise Menschen mit deformierten Körperteilen den Fuchsschwanz als Zeichen ihrer „Unehrlichkeit“ und damit auch ihrer (angeblichen) Gottlosigkeit. Man argumentierte, dass es sich hier um Wesen außerhalb der göttlichen Schaffungskraft handeln musste, da Gott ja den Menschen „nach seinem Ebenbild geschaffen hatte“, also ohne Deformierungen oder sonstige Behinderungen. Gleichzeitig war der Fuchsschwanz, so Veronika Mertens, „das Zeichen derjenigen, deren Worten und äußerer Erscheinung man nicht trauen sollte“. Dies alles bestärkt die These, nach welcher der Weißnarr nicht dem Adel huldigte, sondern diesen im Gegenteil anprangerte und verspottete. So galt beispielsweise die Allongeperücke, da meist mit Reis- oder Weizenmehl bearbeitet, spätestens zum Ende des 18. Jahrhundert als Symbol für den verschwenderischen Umgang mit der Nahrung des Volkes. Auch die Waffe, welche viele Weißnarren mit sich führen, verdient diesen Namen nicht: hölzern und globig scheint sie den eleganten Degen zu persiflieren. Durch die überdimensionierte Halskrause wurde diese Modeerscheinung karikiert und der Lächerlichkeit preisgegeben.

Der Weißnarr trägt keine Glöckchen, wie der Adel sie einst trug, sondern mächtige Schellen, die weder zu übersehen, noch zu überhören sind. Zwei Effekte ließen sich womöglich dadurch erzielen: zum einen wurden durch die Überdimensionierung die Glöckchen des Adels und damit der Adel selbst ins Lächerliche gezogen, zum anderen verwiesen die mächtigen, dröhnenden Schellen auf Gottesferne und Narrheit. Glöckchen zierten bereits seit jeher den „Narren“, jene Figur der Bibel, welche als der Gottesleugner und damit uneinsichtige Sünder schlechthin gilt. Speziell mit Beginn des 15. Jahrhunderts entwickelte sich das ehemals adlige Kleidungsrequisit zu einem populären Symbol der Narrheit. Sebastian Brant machte in seinem 1494 erschienenen Werk „Das Narrenschiff“ die Schelle zum vorrangigsten Zeichen des Närrischen. Jahrhundertelang wurde in der katholischen Kirche am Fastnachtssonntag aus dem Ersten Korintherbrief des Apostels Paulus gelesen. Und auch hier kommt der Schelle eine negative Bedeutung zu: „Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich wie ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle“. 

Laut Veronika Mertens „spiegeln die Masken der Schellenträger in ihrem Gehabe und ihrem prächtigen Schmuck oft die Eitelkeit der Welt“ – was wiederum die Kritik speziell am Adel untermauern würde. Gerade zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als vermutlich die Figur des Weißnarren sich festigte, waren die närrischen Schellen wieder in aller Munde. Der Wiener Hofprediger Abraham a Santa Clara nutzte die Narrenidee aufs Neue, um die Sünden seiner Zeit zu geißeln und viele andere nahmen seine Anregungen auf. 

Vom Hans mit der Wurst
Die adligen Wappentiere Bär und Löwe wurden nicht nur durch ihr demonstratives Zuschaustellen auf den Beinkleidern des Narren als Karikatur verstanden und der Lächerlichkeit preisgegeben: Auch die Tatsache, dass genau auf der Rückseite oder „Kehrseite“ das „komische Paar“ der Wandertheater – Hans Wurst und Grete – abgebildet sind, entlarvte möglicherweise die stolzen Wappentiere als Symbole einer sozialen Schicht, die sich durch nichts vom „gemeinen Volk“ unterschied. Der einfältige Hans mit der Wurst in der Hand – Zeichen für fleischliche Genüsse – und die Gretel mit ihrer Hechel – Zeichen ihrer spitzen Zunge – demonstrierten eindrücklich die Schwächen und Narrheiten aller Menschen.

Offensichtlich hatte der Weißnarr als Karikatur des Adels, der Reichen und Vornehmen seinerzeit die gewünschte Wirkung nicht verfehlt: Die jeweiligen Obrigkeiten nahmen nach Auffassung von Andreas Seim in der Tat weniger an einer besonderen Derb- oder Wildheit der Weißnarren Anstoß als vielmehr an der Verulkung adliger Lebensart sowie dem nicht standesgemäßen Gebrauch höfischer Symbole. Man wollte die Herrschaften vor Spötteleien bewahren und die gesellschaftliche Distanz wahren, was - wie jeder weiß - nicht gelungen ist.

Veröffentlicht in „Narrenbote” Nr. 29, 2005

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