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Die Narrenzunft Rottweil und die Rottweiler Fasnet
von Winfried Hecht


Bestimmt hat es 1924 niemand überrascht, unter den Gründungsmitgliedern der Vereinigung  schwäbisch-alemannischer  Narrenzünfte die Narrenzunft Rottweil zu finden. Zu massiv war damals an der Fasnet einerseits derGschell, Biß und Fransenkleidle Druck offizieller Stellen gegenüber der "Anarchie" in der einstigen Reichsstadt, zu entschlossen andererseits der Willen in weiten Kreisen ihrer Bevölkerung, sich trotz aller Not die Fasnet nicht nehmen zu lassen, die sich seit der Jahrhundertwende so prächtig erholte.

Unbestreitbar fiel die Rottweiler Fasnet unter die Kategorie "althistorisch", wie damals gelegentlich in der Vereinigung formuliert wurde. Die Rottweiler Fasnet wird urkundlich tatsächlich schon im 15. Jahrhundert greifbar und fällt in der Folge mit drei Hauptelementen auf - dem Narrentanz, der im Narrensprung fortlebt, dem Narrenspiel, das man im "Aufsagen" wiedererkennen kann, und dem Lebkuchenholen in der benachbarten Reichsabtei Rottenmünster, welches in alter Form schon vor 1800 unterging.

Nicht erst nach 1918, sondern schon viel früher wurde versucht, die Fasnet in Rottweil abzuschaffen. Dies schlug schon zu Reichsstadtzeiten fehl. Württemberg brachte es bis 1828 immerhin fertig, den "Schmotzigen" als Fasnetstag durch einen Markttag zu ersetzen. Seit 1860 befand sich danach auch in Rottweil "Prinz Karneval" auf dem Vormarsch, ohne die althergebrachte Fasnet zum Erlöschen zu bringen. Mit der Wiedergründung der 1809 staatlicherseits aufgehobenen, aber im Untergrund weiterbestehenden Narrenzunft erholte sich die Fasnet in Rottweil seit 1903 zu altem Glanz.

Schantle und GschellWaren es 1754 gerade 119 Narren, so sind heute bei der Narrenzunft etwa 6000 Mitglieder eingeschrieben. Es kommt den Rottweilern und ihrer Narrenzunft aber nicht auf Rekordzahlen an, sondern darauf, nach bewährter Tradition jedem zur Freude Fasnet vor allem für Rottweiler und ihre Freunde zu machen. Die Kommerzialisierung der Fasnet ist daher verpönt; Eintritt wird nicht erhoben.

Die Fasnet selbst beginnt in Rottweil am Dreikönigstag. Die "Abstauber" der Narrenzunft ziehen seit langem an diesem Tag durch die Stadt und reinigen mit Besen und Bürsten Narrenkleider, Narrenglocken und was sonst angesichts der bevorstehenden Fasnet Staub angesetzt haben könnte.

Nächster Termin ist heute wieder der "Schmotzige". Aus einfachen Anfängen zwischen den Weltkriegen haben sich die Schmotzingen-Gruppen entwickelt, die abends in den Rottweiler Wirtshäusern unterwegs sind und bei meist bühnenreifen Auftritten das lokale Geschehen des vergangenen Jahres wirkungsvoll glossieren. Die Narrenzunft ist dabei gewöhnlich mit einer Gruppe beteiligt, läßt dem Abend aber seinen freien Lauf.

Am Fasnetssonntag übernimmt die Narrenzunft das Stadtregiment vom Oberbürgermeister. Die neue Obrigkeit gibt mit einer Proklamation vor dem Rathaus ihre Ziele für die hohen Tage bekannt. In allen Gassen sind danach ihre Ausscheller unterwegs, um sogar die "Stubahocker" auf die bevorstehenden Ereignisse aufmerksam zu machen. Längst sind natürlich das "Rottweiler Narrenblättle" der Narrenzunft und seit einigen Jahren das "Verklepferblättle" erschienen. Am Nachmittag findet - von der Zunft geordnet - der Kinderumzug statt.

Am Montag- und Dienstagmorgen "Punkt um 8 Uhr" leiten die großen Narrensprünge "Rottweils höchste Feierdäg" fürFederehannes Bennerrössle, Federahannes, Gschell und Biß, Fransenkleid und Schantle, den Guller, den Langen Mann und neuerdings wieder den Bettelnarr ein. Hinter den Reitern mit der Reichsstadtstandarte, der Stadtkapelle in historischer, der Zunft gehöriger Tracht und dem Narrensamen entströmt dem Schwarzen Tor die Fülle der Narren und zieht in gut dreistündigem Zug durch das Rottweiler Straßenkreuz, bis sich der Narrensprung auf dem Friedrichsplatz auflöst. Das bedeutet für die Narrenzunft eine Menge Organisationsarbeit, von der letzten Kontrolle aller Narrenkleider am frühen Morgen bis zur Ordnung des Narrenzuges. Was hier geleistet wird, ist um so besser, je unauffälliger es sich abspielt.

Der Narrensprung, der am Dienstagnachmittag wiederholt wird, ist für den Rottweiler Narr nur der Auftakt zum Fasnetshöhepunkt. Ebenso wichtig sind ihm die anschließenden Stunden bis zum Betzeitläuten, in denen er auf den Straßen und Gassen der Stadt, in Bürgerhäusern oder in Wirtschaften mit oder ohne Narrenbuch aufsagt, Freunde und Bekannte "schnupfen" läßt, mit den Schulkindern die Narrenverse vom "Narro kugelrund..." oder "Narro, sieba Söh ..." singt, oder, wenn er nicht "narrt", seine Heimatstadt unter den"Bürgersleut" möglichst mit einem Fez als Kopfbedeckung wieder einmal von ihrer angenehmsten Seite kennenlernt. Das gibt soviel Stoff zum Erzählen und Durst, daß auch abends die Wirtshäuser noch gefüllt sind, auch wenn das "Schlafrock-Narren" nicht mehr üblich ist. Übrigens sind die Aktiven der Narrenzunft, Vorstand und Ausschuß froh, daß sie dabei in aller Regel nichts mehr zu organisieren oder ordnen haben.

BißAm Aschermittwoch klang die Fasnet früher mit den Reunionen in den Gasthäusern aus. Heute ist das Schneckenessen üblich. Freilich dauert für manche Rottweiler die Fasnet noch fort oder es geht für die meisten von ihnen schon wieder"dagega", und damit auf die nächste Fasnet zu. Allerdings bleibt die Narrenzunft bis dahin ganz im Hintergrund, ähnlich wie am Funkensonntag, wenn ihr "harter Kern" vom Hochturm aus die Funkenfeuer auf den Höhen rings um Rottweil in Augenschein nimmt.

Selbstverständlich hat sie auch ihre Schwachstellen, die Rottweiler Fasnet. Längst weiß man auch außerhalb der Narrenzunft Rottweil, daß nicht jeder, der ein Narrenkleid trägt, zwangsläufig ein guter Narr ist. Dabei nimmt die Zahl der Narrenkleidträger immer noch zu. Bei aller Begeisterung und viel gutem Willen fehlt es im einzelnen aber oft am Wissen, wie sich ein Rottweiler Narr bewegt oder wie er aufsagt. Im Hinblick auf das Sprachliche ist natürlich auch in Rottweil nicht zu überhören, daß das kräftig-anschauliche Rottweilerisch nicht gerade auf dem Vormarsch ist. Statt dessen wirkt die Sprache vieler Narren flach und blaß; ein "Einheitsschwäbisch" breitet sich aus. Auch das Wissen von Rottweil und über seine Bürger oder die Vergangenheit der Stadt nimmt nicht gerade ständig zu. Nicht selten hört man da von Narren Allerweltsweisheiten, denen lokales Kolorit fehlt.

Die Rottweiler Narrenzunft steuert hier mit monatlichen Info-Abenden bewußt gegen. Dabei vermittelt sie ebenso systematisch "Rottweil-Wissen" wie sie ihre Zunftmitglieder, aber ebenso Schnitzer, Maler oder Glockenschläger berät, wenn es um neue Narrenkleider geht. Offenbar hat sie damit Erfolg, denn die kunsthandwerkliche Qualität der neuen Narrenkleider hat sich seit Beginn ihrer obligatorischen, an eine Auslosung gebundenen Einschreibung ins Erneuerte Rottweiler Narrenregister deutlich gesteigert. Und die Narrenzunft kümmert sich auch um die städtebauliche Kulisse ihrer Rottweiler Fasnet. Bei den Bemühungen um die sachgerechte Erhaltung von Rottweils historischem Stadtkern hat die Zunft seit Jahrzehnten einen beachtlichen Beitrag geleistet.

Manchem steht die Zunft aber auch anscheinend machtlos gegenüber. Wenn Menge zur Gefahr wirdFransenkleidle für die Qualität, hat dies auch für den Fasnetsablauf unerfreuliche Folgen. Alte Rottweiler Narren sind nicht begeistert, wenn sich ihr Narrensprung mit über 3000 Narren immer mehr in die Länge zieht. Das nimmt den "guten" Narren wertvolle Zeit fürs "Straßennarren", beim Aufsagen. - Auch die Telegenität der Rottweiler Fasnet ist Insidern und nicht nur ihnen gelegentlich ein Dorn im Auge. Sie hatten Grund sie in der Vergangenheit eher als störend zu erleben; dabei hat man mit Medienvertretern durchaus auch positive Erfahrungen gemacht. Auffällig scheint ferner der Trend, das Narrenkleid angesichts der investierten Kosten möglichst schonend durch die Fasnet zu bringen. Schließlich drängt sich gelegentlich der Eindruck auf, manche Narren hätten nach der alltäglichen Fortbewegung im Auto im Narrenkleid körperliche Schwierigkeiten.

Solche Probleme hatte die Rottweiler Narrenzunft noch kaum, als sie 1953 mit Elzach und Überlingen die "Schwäbisch-Alemannische" verließ und bald auch Oberndorf nachzog. Statt dessen wurde dieser Schritt hauptsächlich mit einer befürchteten Karnevalisierung der Vereinigung begründet. Eine Rolle spielte ferner, daß die Rottweiler mit ihren Freunden den Begriff "historisch" bei der Vereinigung nicht immer so verstanden sahen, wie sie es für richtig hielten. Schließlich mißfiel den "Abtrünnigen" ein gewisser Trend zu häufigeren Narrentreffen, dem sie um der Sache willen nicht folgen wollten.

Unzutreffend ist, daß sich Rottweil und seine "Schwesterzünfte" als die Aristokraten der schwäbisch-alemannischen Fasnet verstanden hätten. Mit zeitlichem Abstand sehen sie auch manches weniger dramatisch als vor 40 Jahren. Ihr Verhältnis zur Vereinigung ist inzwischen entspannt. Die Rottweiler Zunft will hauptsächlich dafür sorgen, daß ihre Fasnet ein Fest bleibt, an dem man sich als Rottweiler oder als Freund der alten Narrenstadt wohlfühlen kann. Die Zunft ist überzeugt davon, daß die Zünfte der Schwäbisch-Alemannischen dies für ihre Fasnet ebenso wünschen. Vor diesem Hintergrund ergaben sich in den letzten Jahren immer wieder Beispiele partnerschaftlicher Zusammenarbeit und darüber hinaus erfreuliche persönliche Beziehungen."Jedem Narr si Kappa!" ist wohl auch für dieses Feld ein weiser Grundsatz. (1997)

© Bilder NarrenSpiegel


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