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Die Narrenzunft Oberndorf a.N. und die Oberndorfer Fasnet

    VON GÜNTER WOLF

Einmal im Jahr schlagen in Oberndorf alle Uhren gleich - und die Herzen der Menschen höher: Am Fasnachtsdienstag, kurzNarro nach acht, rufen die Kinder "D' Kirch isch aus, d' Narre raus!" - dann beginnt ein "geheimnisvoller, urwüchsiger Spuk", wie es in einer alten Chronik heißt, der diese sonst so sachlich-nüchterne, knapp 15.000 Einwohner zählende Industriestadt zwischen Schwäbischer Alb und Schwarzwald mit Witz und Humor erfüllt. Jung und alt entfesseln ein Fest der Lebensfreude, das alljährlich nicht nur die Ortsansässigen erfaßt, sondern auch viele ehemalige Oberndorfer aus allen Himmelsrichtungen nach Hause treibt. Und auch der Fremde, der am Straßenrand steht, um den "großen, historischen Narrensprung" zu erleben, wird mit einbezogen in die Lebensfreude und eingefangen von einer Atmosphäre, die nicht besser und einfacher ausgedrückt werden könnte, als in dem Oberndorfer Fasnetslied: "Der Tag, der ist so freudenreich ... !"

Oberndorf am Neckar gehört zu jenen Städten im schwäbisch-alemannischen Südwesten, in denen noch überliefertes und unverfälschtes Narrenbrauchtum heimisch ist. Die Fasnacht, oder Fasnet, ist ein traditionelles Volksfest im besten Sinne - humorvoll und liebenswert. Sie ist das große Heimatfest der Oberndorfer. Nun, sie sind schon alte Fasnetsnarren. Das geht aus der berühmten "Zimmerschen Chronik" hervor, mit dem Hinweis auf einen "Freien Markt 1502 in Obarindorf". Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, daß die "Zimmersche Chronik" von einem gebürtigen Oberndorfer, Prof. Karl August Barack, 1896 in vier Bänden herausgegeben wurde. Barack war damals Fürstlich Fürstenbergischer Hofbibliothekar.

Ein weiterer historischer Hinweis auf Fasnachtstreiben in Oberndorf ist in einer handschriftlichen Eintragung des Prior Nikolaus Benning 1664 im Augustinerkloster in Oberndorf zu finden; es ist vom Aschermittwoch, von Narrenlauf und Fasnetsküchle die Rede. Das Original "Protocollum Monasteril Oberndorfensis Ordin" wird im Stuttgarter Staatsarchiv aufbewahrt. Da lesen wir in einer Oberndorfer Stadtchronik, verfaßt vom Stadtschreiber und Lehrer Wunnibald Roggenburger, daß um 1690 und danach die "Fasnacht schlicht gehalten" wurde "wegen Kriegsnot und Mißwuchs".

1786 rügt der für Oberndorf zuständige Oberamtmann Pfeiffer Auswüchse beim Narrenlaufen und bei den Fasnachtsspielen, sowie 1813 und 1827 bei Tanzlustbarkeiten.

Im Archiv der Narrenzunft Oberndorf befinden sich handgeschriebene Einlaßkarten für Maskenbälle aus den Jahren 1836 und danach und von 1831 gibt es zahlreiche Notizen, Berichte und auch scharfe Kritiken am "Unfug der Masken und Schellen" in der bekannten Tageszeitung "Schwarzwälder Bote", die das schwäbisch-alemannische Narrenbrauchtum stets förderte und unterstützte.

Hansel1835 gab es einen Fasnachtsclub, welcher 1855 von einem Fasnachtsverein abgelöst wurde, beide Vorläufer der Narrenzunft Oberndorf a. N., die 1908 gegründet und 1947 nach dem zweiten Weltkrieg, mit Genehmigung der französischen Militärregierung, wiedergegründet wurde. So lag es nahe, daß sich die Narrenzunft Oberndorf auch wieder der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte anschloß, zumal sie 1924 zu den Gründungszünften gehörte und lange Jahre den 2. Präsidenten der Vereinigung stellte. Es kam aber zu Meinungsverschiedenheiten über die Flut von Narrentreffen und die gegensätzlichen Auffassungen über den weiteren Weg des alten, überlieferten närrischen Brauchtums und der Narrenkleider. Die Trennung resultierte letztlich daraus, daß sich Oberndorf gegen billiges Nachmachen, bequemes Abgucken und geschmacklose Neuschöpfungen wehrte. Oberndorf schloß sich 1963 den bereits früher aus der Vereinigung ausgetretenen Zünften Elzach, Überlingen und Rottweil an.

Die Narrenzunft Oberndorf ist einer der größten Vereine der Stadt, mit über 1200 festen Mitgliedern und rund 2000 ins Narrenregister eingetragenen Narrenkleidern.

Um den Dreikönigstag, dem 6. Januar, schießt den Oberndorfern eine Art Fieber ins Blut. Sie holen die kunstvoll aus Lindenholz geschnitzten Masken aus Schränken und Truhen, rühren ans Narrengeschell und lüften ihr Narrenkleid, den Narro, den Hansel und den Schantle. Das sind die markanten Typen der Oberndorfer Fasnet. Das Leinenkleid des Narros muß blütenweiß sein, mit seinen in Ölfarbe gefaßten und aufgemalten Figuren und historischen Bildern, mit Tiermotiven sowie Blattornamenten. Die orangene Pluderhose und der weinrote Kittel des Hansels, mit dem roten Herzen auf der Brust, müssen blitzsauber sein, wie der breite, weiße Spitzenkragen. Auf dem karierten Rupfentuch des Schantle dürfen die runden, bunten Stoffplätzle und der farbig gestickte Stern auf dem Rücken nicht fehlen. Narro und Hansel tragen über die Brust gekreuzte, lederne Riemen mit kupfernen Schellen daran. Der Narro hat eine hölzerne Stange, auf der 30 bis 35 Laugenbrezeln aufgereiht sind; der Hansel trägt ein rotes oder weißes Sonnenschirmchen und ein Körbchen mit Bonbons und Pralinen. Der Schantle füllt seinen Korb mit Orangen und Würsten, die er auswirft oder schnappen läßt. Die Oberndorfer Narren sind sehr gebefreudig. Alljährlich werden tausende Brezeln, Würste, Orangen, Bonbons und Pralinen an die Zuschauer verteilt.

Den drei Narrentypen gemeinsam ist die "klassische" Holzmaske. Die "Larve", so werden die Masken auch genannt, des Narro - mit und ohne schwarzen Schnurrbart - lächelt freundlich, mitunter sogar recht kokett. Ein Knebelbart und kräftig rote Wangen zieren die Holzmaske des Hansel, zu der eine blonde Hanfperücke gehört, mit Perlen und Blumen garniert. An markantem Ausdruck und Verschiedenheit schlägt der Schantle beide. Da begegnen wir bald süßsauer, bald süffisant lächelnden, bald weinerlich-griesgrämigen Gesichtern mit oft gewaltigen, warzenbewachsenen "Zinken" (Nasen). Ein Prachtexemplar von Maske trägt der Polizeischantle - gestrenge Obrigkeit und Einzelstück - unter dem schwarzen Dreispitz und der flachsblonden Perücke. Als Zeichen seiner "Amtsgewalt" schwingt er einen schweren eisernen Säbel.

Die Fasnet beginnt in Oberndorf am 6. Januar mit der Dreikönigsversammlung der Narrenzunft. Dabei wird die närrische Zeit vom Zunftmeister, unter den Klängen des Oberndorfer Narrenmarsches, eröffnet. Es folgen Kostümbälle, Kappenabende und närrische Nachmittage der verschiedenen Vereine und Organisationen in der Stadt.

Das große Fest der Fasnet beginnt am "Schmotzigen Donnerstag". Da ziehen allerlei närrische Spaßmacher, Sänger, lustigeSchantle Gruppen und die Schantleskapelle durch die Gaststätten, um das kommunale Geschehen durch die Narrenbrille zu betrachten und diesem und jenem wird der Narrenspiegel vors Gesicht gehalten: Aufsagen nennt man dieses närrische Rügen und Durchhecheln in Oberndorf.

Am Samstag steht der "Bürgerball" der Narrenzunft auf dem Programm, gewissermaßen der gesellschaftliche Höhepunkt der Fasnet, mit rund 1500 Gästen in der Oberndorfer Neckarhalle. Ein Ereignis, das weit über Oberndorf hinaus einen Namen hat.

Der Sonntag gehört dem närrischen Nachwuchs. Der "Narrensamen" zieht beim Kinderumzug durch das "Städtle" und am Ende gibt es für die rund 1000 Kinder beim Narrenbrunnen auf dem Schuhmarkt eine weiße Brezel und eine rote Wurst. Am Montag beherrschen die Schantle die Straßen, mit Wurstschnappen und dem Auswerfen von Orangen. Dabei singen die Kinder und Zuschauer die alten, überlieferten Fasnetslieder. In Oberndorf nennt man das "rammeln".

Höhepunkt und Abschluß der Fasnet ist am Dienstag der "historische Narrensprung", der nach der Frühmesse in St. Michael beginnt und zweitausend Maskenträger unter den Klängen des Narrenmarsches - es spielen zehn Musikkapellen - vom "Städtle" ins Tal, von der Oberstadt in die Talstadt, führt. Ein Fest mit Herz und Humor, ein Fest der Lebensfreude, ein Fest menschlicher Verbundenheit für die aktiven Teilnehmer wie auch für die Tausende, die am Umzugsweg stehen, mitsingen, mithüpfen und die närrischen Gaben der Narro, Hansel und Schantle einsammeln. Nach dem Narrenmittagessen gibt es einen zweiten Narrensprung in der Oberstadt, der am alten Rathaus und am Narrenbrunnen endet. Ein fröhlicher Ausklang des närrischen Heimatfestes, des "höchsten Feiertages" der Oberndorfer. Eine Anekdote aus dem Oberndorfer Schulleben mag dieses Prädikat belegen. Fragt ein Schulrat bei den ABC-Schützen, welches Fest denn in Oberndorf der höchste Feiertag sei. Da antwortet einer der Kleinen spontan: "Die Fasnet." Womit bestätigt wäre, daß schon die jüngsten Oberndorfer alte Fasnetsnarren sind. (1998)
siehe auch "Das Oberndorfer Matheisle"
Bilder © NarrenSpiegel

 

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